Gelöste Stimme

Aber die Elfen in meinem Garten singen alle hoch!

Aber die Elfen in meinem Garten singen alle hoch!

Machen wir es uns doch bequem

Etwas, das ich häufiger höre von Menschen, die mit der Sorge bei mir anklingeln, sie könnten nicht singen ist, dass sie das vor allem dann merken würden, wenn sie irgendwo mitsängen. Wenn andere singen, oder wenn ein Song gespielt wird und sie versuchen mitzusingen, dann würden sie keinen einzigen Ton treffen. Und Irgendwie fühle es sich auch nicht gut an.

Zunächst einmal finde ich es schon bemerkenswert, dass sie es wahrnehmen, dass sie den Ton nicht treffen, und dass es sich blöd anfühlt. Das ist nämlich an sich auch schon ein kleiner Hinweis, dass da durchaus etwas ganz in Ordnung ist und läuft, wie es laufen soll! 

Tonhöhen sind nämlich so eine Sache, die meisten haben da eine Komfortzone und wenn die verlassen wird, dann wird es erst einmal unangenehm. Diese Komfortzone kann in der Tiefe liegen, dann wird es „da oben“ ziemlich ungemütlich, und ebenso kann es natürlich in der Höhe bequem sein und die Tiefe ist ein dunkler Keller, in den man sich lieber nicht begeben möchte. Aber auch die Mitte kann schön sein und aber ebenso auch nicht. Überhaupt: Wo ist den „Oben“, wo ist „Unten“, was empfinden wir als Mitte? Kommt auf den Standpunkt an, aber es gibt da natürlich allgemeine Auffassungen, an die wir uns halten können.

Was passiert, wenn ich außerhalb meiner Komfortzone singe? Da ich selbst meine Komfortzonen gut kenne und auch die Zonen drumherum, weiß ich genau, wie ich das einzuordnen habe. Wenn du es nicht weißt, kannst du schnell den Eindruck gewinnen, du könntest nicht singen..

Es gibt so viele Geschichten rund ums Singen, welches die richtige Art von Gesang ist, welches die richtige Technik, ist Jazzgesang eine besondere Art, oder zählt eigentlich nur klassischer Gesang als guter Gesang? Wie sollen Männer singen, wie Frauen, und sollten Frauen rappen dürfen? Und so weiter.

Und es ist auch durchaus so, dass es Moden unterworfen ist, was wir als die „richtige“ Tonhöhe empfinden, in den 1930ern wurde ein starkes Tremolo in einer Frauenstimme als schön empfunden, heute mögen wir es tief und hauchig. Oder hoch und hauchig. Jedenfalls unbedingt hauchig.

Und wir verbinden Vorstellungen mit der Tonhöhe. Für die einen ist ein tiefer Bass beruhigend, für die anderen bedrohlich. Tonhöhen lösen Assoziationen aus. Und entsprechend geht das auch immer mit Erwartungen einher.

Mir fällt zum Thema eine Geschichte aus meinem Studium ein, in der es um Tonhöhen geht und die Auffassung, dass Frauen alle hoch singen und basta

Drei Dozenten, zwei Elfen und ein Baum.

 Ich habe am Anfang meiner Studienzeit einen Kurs besucht, in dem es darum ging, einen Kiez meiner Heimatstadt (Bielefeld) in einen Performance-Ort zu verwandeln. Es wurden geeignete Plätze ausgewählt, die irgendetwas spannendes versprachen und die den unterschiedlichen Gruppen von Studierenden zum Bespielen zugewiesen wurden: ein Balkon, eine Auffahrt, der Platz mit Brunnen. Dort konnten dann durch eine kleine Szene, durch einen Tanz durch Musik und Gesang, Geschichten erzählt werden, die wie auch immer zu diesem Ort jeweils passten. An sich eine sehr schöne Idee mit vielen spannenden Möglichkeiten.

Meine Gruppe bestand aus mir und zwei befreundeten Kommilitoninnen und wir bekamen für unsere Performance eine Platz zugewiesen, auf dem acht Bäume (alles Platanen) so angeordnet waren, dass es drei Reihen mit je drei Bäumen gab. Die Ecke, wo der neunte Baum hätte stehen können war allerdings frei. 

rechts vom Ostmannturm befindet sich der Platz mit den Bäumen

Wahrscheinlich war das so gemacht worden, weil ansonsten die Feuerwehr nicht hätte durchfahren können, es sah aber so aus, als würde der neunte Baum einfach fehlen.

Wir wurden von drei Dozent:innen betreut, die für den Kurs verantwortlich waren und dieses drei dachten sich für uns nun die Geschichte aus, dieser neunte Baum sei einfach weggelaufen, hätte seinen Platz aus irgendeinem Grund einfach verlassen.

Kerstin und ich wurden zu zwei Elfen, die ihren Wald inspizierten und plötzlich feststellten, dass der Baum fehlt. Wir sollten nun singen und tanzen und dadurch diesen Baum heran locken und an seinen Platz zurückstellen. 

Noch nicht ganz fertig, aber schon baumig. Am Ende und mit Farbe kaum von den Platanen zu unterscheiden!

Alexandra war der verirrte Baum. 

Sie wurde damit beauftragt, sich ein Baumkostüm aus Draht und Pappmaché anzufertigen (in ihrer eigenen Zeit wohlgemerkt…). Sie sollte darin herum laufen können. Und sie sollte damit aussehen wie eine Platane. Ach ja, und außerdem wäre es richtig schick, wenn aus dem Kostüm heraus noch Saxofon spiele würde, um Baumgeräusche zu machen…. (..? Baumgeräusche?…)… 

Wie du hier sehen kannst, schaffte sie das! Wofür sie sich meiner ewigen Bewunderung sicher sein kann!! 

Wir drei Studentinnen hatten keinerlei Mitsprache in diesem Spektakel, wir waren nur zum Ausführen da. Uns wurde offenbar keine eigene Idee zugtraut und deswegen wurde uns das ganze einfach kurzerhand übergeholfen. Wir sahen das eigentlich ein bisschen anders, aber wir machten mit und waren nun zwei Elfen und ein verirrter, saxofoniger Baum. 

Genau. Und nun: singen, tanzen und den Baum anlocken. 

Am besten anmutig tanzen und am besten ganz hoch singen.

 

Elfenhaft hoch singen.

Okay. Die Sache hatte nur einen Haken, ein kleines „Problem“, einen Umstand, mit dem die Dozenten nicht gerechnet hatten:

 Kerstin konnte und wollte nicht hoch singen! 

Elfensichtungen in Melle

Schon wenn sie sprach, war eigentlich klar, dass Kerstin mit ihrer tiefen und kehligen Sprechstimme eher keine Sopranistin war. Diese Stimme war sehr schön und angenehm zu hören und weil ich mit ihr in einer Band spielte, wusste ich genau, dass sie sehr schön sang mit einem ganz eigenen Timbre und auf eine ganz eigene Wiese. 

Aber eben nicht hoch. Sondern sogar ziemlich tief! Aber das war nicht im Sinne der Dozenten, denn es war völlig klar, dass das mit dem Tiefsingen und dem Elfentum absolut gar nicht zusammen passen wollte und Kerstin sich nicht so anstellen und mehr anstrengen sollte. „Aber Elfen singen hoch!“ Sagte der eine der drei Dozenten mehrmals und mit einer Bestimmtheit, die auch mich fast  überzeugte.

Kerstin versuchte es und es klappte einfach nicht. Sie fühlte sich blöd dabei und es war ihr unangenehm. Es war  anstrengend und genau so klang es auch.

Wir  drei Puppets fragten uns später, woher denn der Herr Dozent das eigentlich so genau wissen wollte, dass alle Elfen hoch singen, wie viele Elfen hatte der Herr Dozent denn bisher singen gehört? Wir kamen zu dem Schluss, dass wahrscheinlich in seinem Garten in Melle alle ansässigen Elfen Sopran sangen.

 Na gut, das wäre vielleicht ein Indiz dafür, dass zumindest die Elfen in Melle alle Sopranist:innen waren, aber  das musste noch lange nicht heißen, dass das auch für die Elfen in Bielefeld galt! Vielleicht gab es da regionale Unterschiede und die Bielefelder Elfen könnten auch einfach diverser sein als die in Melle, immerhin ist Bielefeld eine Studentenstadt und Melle… ich würde sagen, eher als dörflich zu beschreiben.

Hier siehst du mich als (hoch) singende Elfe

Die Dozent:innen wollten nicht davon ablassen, dass Kerstin, die Elfe hier am Baumplatz in Bielefeld, gefälligst hoch zu singen hatte, denn Elfen singen hoch, Punktum und Basta! 

Kerstin war übrigens von Haus aus Tänzerin und tanzte außerordentlich anmutig und elfenhaft durch die Baumreihen (was mir nicht so gelang), aber das genügte nicht. „Sing hoch!“ hieß es. 

Kerstin konnte nicht, Kerstin wollte nicht! 

Am Ende tat sie auch einfach nicht, sie tanzte (anmutig), ich sang (hoch), Alexandra spielte ihre Saxofon-Platane, Performance erledigt, Publikum mittelmäßig entzückt, zumindest unterhalten, prima, wir bekamen dafür einen Schein mit einer mittleren Note (wohlgemerkt: wir hatten nur ausgeführt…). Aus, vorbei, als interessante Erfahrung verbucht, nächster Kurs….

Anmutig wie nur was, aber nicht Melle-tauglich: Elfe Kerstin

Leider wiederholte sich dieses Muster während Kerstins Studium immer wieder. 

„Du musst hoch singen Kerstin!“ „Nein, nicht in der Bruststimme! Du musst deine Kopfstimme verwenden!“ „Du bist doch eine Frau, sing hoch!“ Das musste sie sich immer wieder anhören. Und sie wurde immer trotziger, wechselte von Gesangslehrerin zu Gesangslehrerin und alle erzählten ihr, sie müsse hoch singen, in die Kopfstimme gehen, sie müsse doch das wenigstens mal ausprobieren, als Frau würde sie doch in der Kopfstimme singen können und sie solle sich doch nicht so anstellen und so weiter und sofort. 

Ich persönlich bin ja froh darüber, dass Kerstin so ein trotziger Charakter war und sich einfach nicht hatte belatschern lassen und darauf bestand, dass sie nicht hoch singen wollte und Schluß! Denn sie sang wirklich sehr sehr gut da unten!

Aber andere sind da vielleicht nicht so stabil. Frauen (als Frauen gelesene Menschen), die nicht hoch singen können oder wollen , Männer (als Männer gelesene), die nicht tief singen können oder wollen,  haben dann schnell mal das Gefühl, dass ihre Stimmen nicht richtig sind. 

Wenn ich die ganze Zeit an meine Grenze gezwungen werde, die ganze Zeit in der Lage singen muss, in der es mir am schwersten fällt, dann bekomme ich den Eindruck, gar nicht singen zu können. 

Aber das ist sehr wahrscheinlich gar nicht die Wahrheit. Wenn du die richtige Höhe (oder Tiefe) gefunden hast, stellt sich vielleicht etwas ganz anderes heraus! Plötzlich geht es leichter!

 

Hier kommt übrigens eine weitere hervorragende tief-Sängerin:

Sing wie du gewachsen bist

Es sind so viele Geschichten über das Singen im Umlauf, jede Person erzählt da etwas anderes, denn jede Person hat eine eigene Idee davon, wie etwas klingen soll und wir können es da niemandem recht machen, der eine feste Überzeugung hat. 

Oft ist das, was sich wie ein Versagen anfühlt vor allem NUR ein Verstoß gegen die Überzeugungen von Personen. Und oft müssen wir es ausbaden, dass wir nicht in die Überzeugungen anderer hineinpassen, dass wir gegen etwas verstoßen, das die andere Person als Regel aufgestellt hat. Oft nur unbewusst, da wollen wir niemandem böse Absichten vorwerfen. 

Aber wir nehmen es als Auftrag wahr, dieser Regel zu genügen und wenn wir es nicht können (oder vielleicht auch einfach und völlig rechtmäßig nicht wollen), dann wird es uns angekreidet, als hätten wir uns entschieden, den anderen damit zu kränken. Und oft sind es wir selbst, die es uns ankreiden und Schuldgefühle haben, dass wir nicht genügen.

Nimm dir gerne ein Beispiel an Kerstin: wenn du nicht hoch singen kannst, dann sing tief! Wenn du nicht tief singen kannst, dann sing hoch! Wenn du nicht gerade singen kannst, dann sing schief! Sing laut , sing leise, ganz egal! Die Elfen in Melle singen Sopran, aber das heißt ganz und gar nicht, dass du das auch so machen mußt! Sei eine Bass-Elfe! 

Probiere dich aus, sei mutig und habe dabei viel Spaß!

Hier kommen noch ein paar Beispiele von Menschen, die nicht da singen, wo man sie vermuten würde:

Hast Du Gedanken zu meinem Beitrag? Oder eine Ergänzung, vielleicht eine ganz andere Meinung oder neue Ideen dazu? Dann lass es mich gerne wissen, ich freue mich auf den Austausch mit Dir!

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