Gelöste Stimme

Der Kopf unter dem Kopf

Der Kopf unter dem Kopf

Wir wissen ja gar nichts über den Kehlkopf!

Warum denn eigentlich nicht? Wie kommt es, dass wir von einem Organ, das wir täglich mehrfach nutzen, beruflich und privat, manche nur ab und zu, andere aber immerfort, so gar keine Ahnung haben? Warum lernen wir nichts in der Schule darüber?

Weißt du denn, wie dein Kehlkopf aussieht? Wie er gebaut ist? Wo er eigentlich genau sitzt? Weißt du eigentlich, dass darin deine sogenannten Stimmbänder wohnen? Weißt du in welcher Richtung sie angebracht sind und wie es passieren kann, dass da Töne erzeugt werden?

Wieso klingst du eigentlich wie du und warum klingen wir nicht alle gleich?

Der Kehlkopf unter dem Kopf
Der Kehlkopf

Menschen mit einem „sprechenden Beruf“, die den ganzen Tag quasseln müssen, weil sie Lehrer sind oder anderen Leuten am Telefon etwas verkaufen müssen, wissen, dass sie nach einem langen Tag irgendwann angestrengt und heiser sind, dass der Hals schmerzt, und die Stimme brüchig wird. 

Wenn sie Glück haben, dann haben sie in ihrer Ausbildung mal etwas darüber gelernt, wie sie stimmschonend arbeiten können, welche Übungen gut sind und so weiter, aber sie wissen selten, warum sie heiser werden, warum sie am Ende des Arbeitstages so kaputt sind, warum es schmerzt, was da eigentlich passiert, wenn sie den ganzen Tag sprechen, schreien, sich bemerkbar machen müssen.

Es hat viele Vorteile, wenn du weißt, wie das Stimmorgan eigentlich aussieht und wie es funktioniert und auch, in welcher Umgebung es sitzt (eben in diesem Kehlkopf).

Wenn du verstehst, was geschieht, wenn du ansetzt zu sprechen oder zu singen, dann hast du einen größeren Einfluss auf eben diese körperliche Prozesse. Du kannst nämlich viel mehr steuern, als du jetzt gerade vermutest.

 Für die meisten Menschen fühlt sich die Tonerzeugung insgesamt eher wie eine Glückssachen an. Aber das ist sie tatsächlich nicht.

schreiende Frau

Wenn du weißt, was deine Stimmlippen (oh ja: Lippen, nicht nur  Bänder!) tun, und was ihnen schaden kann, dann kannst du es viel einfacher vermeiden, etwas schädliches zu tun (nein, Schokolade und Nüsse sind allgemein nicht schädlich! Vielleicht verzehrst du das nicht direkt vor dem großen Auftritt, aber sie schaden deiner Stimme nicht nachhaltig!).

Sehr vieles hängt von der richtigen Anwendung des Systems ab. Und die kannst du lernen.

Da ist sehr vieles lernbar, du kannst sogar lernen laut, ausgiebig, effektiv und vollkommen schmerzfrei deine Schüler:innen anzubrüllen! Was keine Empfehlung sein soll, niemand mag es, angebrüllt zu werden, deine Schüler:innen ebenso wenig, wie deine Kolleg:innen. Aber theoretisch könntest du!

So sieht er nämlich aus, oder: Der Kehlkopf und sein Freund, das Stimmsystem

Abbildung und Sitz des Kehlkopfes

Wenn du deine Hand vorne am Hals entlang fahren lässt, dann merkst du, dass es da irgendwo eine gnubbelige Erhebung gibt. Wenn du ein Mensch mit y-Chromosom bist, dann wird diese Erhebung gnubbeliger und größer und wahrscheinlich gut sichtbar sein und Adamsapfel heißen. Für die anderen mit ausschließlich x-Chromosomen heißt das einfach nur Kehlkopf. 

Schildknorpel

Was du da fühlen kannst ist ein Gebilde, dass aus Knorpel besteht. Es hat seine Funktion im Namen und heißt Schildknorpel, Denn dieser Knorpel beschützt das was hinter ihm gelagert liegt. Was das alles ist, erkläre ich gleich weiter unten. Bleiben wir mit der Hand erstmal da.

Du kannst jetzt gerne mal irgendeinen Laut machen. Was sich da gut eignet und sich wahrscheinlich nicht so komisch anfühlt ist so etwas wie „Oh!“ Als wäre dir gerade etwas runter gefallen, oder „Ah!“ Als hättest du gerade etwas verstanden.

Was nimmst du wahr?

 

Na gut, das kennst du und hast schon hunderttausend mal gefühlt. Aha! Ganz genau nämlich! Was du da gefühlt hast ist die Stimme, genauer gesagt die Tonerzeugung, da wird er gemacht, der Sound. 

Direkt unter deiner Hand, hinter dem Schildknorpel, den du ja gerade fühlst, liegen diese Stimmlippen (siehe Bild).

Sie bestehen aus Muskelgewebe (musculus vocalis) und elastischem Gewebe (lamina propria), bestehen aus Bindegewebe und mit Schleimhaut überzogen. Die genauere Struktur und die weiteren lateinischen Begriffe erspare ich dir mal, das kannst du gerne nachschlagen, wenn dich das genauer interessiert, oder mir mitteilen, dass du dir einen genaueren Artikel wünscht.

geöffnete Stimmlippen

Wenn wir einfach nur atmen und weder sprechen, noch singen wollen, dann stehen die Stimmlippen auseinander. Sie sind an der einen Seite am Schildknorpel angeschlossen und auf der gegenüberliegenden Seite an jeweils einem beweglichen Knorpel befestigt, dem Stellknorpel (cartilagines arytaenoideae), du hast zwei davon, für jede Stimmlippe einen (siehe Bild).

Die Stellknorpel tun genau das: sie stellen nämlich deine Stimmlippen zueinander oder voneinander weg, je nachdem, ob du nur atmen, sprechen, oder singen möchtest.

geöffnete Stimmlippen

Wichtig ist, dass du dir vorstellen kannst, dass diese Stimmlippen geschlossen sind, wenn sie klingen sollen – du also sprechen oder singen möchtest. Sie sind einander zugewandt,   überspannen die Luftröhre und berühren sich dabei gegenseitig. Durch die Luft, die von unten gegen die geschlossenen Stimmlippen drückt (nicht zu fest hoffentlich!), werden diese in Schwingungen versetzt. So funktioniert die Tonerzeugung.

geschlossene Stimmlippen

Du kannst mal noch so einen kleinen Versuch machen und nochmal „Ah!“ Sagen. Achte diesmal darauf, wie der Ton anklingt. Der hat nämlich am Anfang einen kleinen Schub, eine kleine Mini-Explosion vielleicht. Du kannst es im Hals genau spüren. Geh ruhig mal alle Vokale durch und spüre, wie sie sich beim Anklingen anfühlen. 

Was genau passiert da?

Das sind ganz genau diese Stimmlippen, die aufeinander treffen.

Also nochmal: wenn wir etwas sagen möchten, dann stellen sich die Stimmlippen zusammen, spannen sich quasi ein kleines bisschen und wenn dann Luft aus der Luftröhre nach oben strömt, werden sie in Schwingungen versetzt und erzogen auf diese Weise den Ton. Und das kannst du spüren.

Hier oben kannst du in einem Video der Phoniatrie Graz dabei zusehen, wie Töne entstehen. Du siehst die Stimmlippen in Aktion. 

Von da aus verbreiten sich die Resonanzen nach oben und unten durch den Körper, durch alles Gewebe, durch die Knochen und Hohlräume geleitet. Sie verbreiten und verstärken sich im Brustbereich (sehr schön fühlbar beim Brummen und Summen) und nach oben in den Kopf. 

Wenn du dann den Mund aufmachst und den Sound durch die Bewegung deines Unterkiefers  und der Zunge „zerhackst“ entsteht dadurch die Artikulation und das ist jetzt eher wie ein Metzger erklärt. Aber Hauptsache, du hast ein Bild davon.

Du klingst wie du

Dass wir alle unterschiedliche klingen liegt daran, dass wir alle einen einzigartigen Körperaufbau und Zusammenspiel der einzelnen Komponenten haben, die für unseren Sound verantwortlich sind. Dabei spielt die Größe des Kehlkopfs eine Rolle, die Dichte der Stimmlippen, die Länge unseres Halses, die „Architektur“ unseres Rachens und Gaumens, unseres Brustkorbes etc. sogar die länge unseres Gehörganges, wenn man es ganz genau nimmt. 

 

Und das erklärt auch, warum ich mich so ähnlich anhöre wie meine Schwester.  Das liegt eben an unserer Verwandtschaft, weil mein körperlicher Aufbau ihrem ähnlich ist. Wir haben auch eine Klangverwandschaft. Aber da wir keine Zwillinge sind, gibt auch Unterschiede im Klang.

Verwandtschaft
links moi, rechts Schwesterli

Aber Achtung: Der Aufbau des ganzen Instrumentes Stimme sagt überhaupt gar nichts über die Qualität deines Klanges aus! Es beschreibt nur, warum du nach dir selbst klingst und nach niemand anderem.

Apropos wie du klingen:

Du kennst sehr wahrscheinlich das Phänomen, dass du dich selbst kaum wieder erkennst, wenn du deine aufgenommene Stimme hörst. Früher ging es bei diesem Thema um Anrufbeantworter. Gibt es die überhaupt noch?

Heute sprechen wir da eher über Voicemails oder Sprachnachrichten. 

Dass wir das so gewöhnt sind, uns selbst zu sehen und zu hören ist ja noch gar nicht so alt. Erst seit es möglich ist, Aufnahmen zu machen und zu speichern ist es uns bewusst, dass wir uns selbst anders wahrnehmen, als andere es tun. 

Mittlerweile wissen die meisten, wie sie klingen, wenn sie sprechen und sind an den Unterschied gewöhnt. Ich weiß nicht, wie es dir da geht, ob es bereits ein alter Hut für dich ist, dass du dich anders hörst, als du klingst, wenn du dich irgendwo aufgenommen hast.

Innen- und Außenhören

Falls der Hut noch neu oder zumindest unerklärt ist: das kommt dadurch, dass du dich auf doppeltem Wege hörst: einmal durch den Innenweg: durch die Knochen und das Gewebe von innen ans Ohr und zudem so, wie alle anderen dich hören, aus dem Mund durch die Luft in deine Ohrmuschel.

Das vermischt sich zu einem Sound, den ganz allein du hören kannst. Du bist die einzige Person auf der ganzen Welt, die deine Stimme so hören kann! Das ist, wie ein kleines Geheimnis zu haben!

Aber dadurch entsteht diese kleine Konfusion, wenn du dich hörst.

Ich hoffe, du hast jetzt ein Bild von dem, wie deine Stimme funktioniert, wenigstens ein kleines bisschen. Oft haben wir ja dadurch, dass wir ein wenig Wissen über unseren Körper haben und eine Ahnung davon, wie er funktioniert, eine Möglichkeit ihn zu verstehen und sind möglicherweise ein wenig freundlicher zu ihm, wenn wir seine Grenzen und Möglichkeiten kennen.

Mir ist es ja ein außerordentliches Anliegen, dir das nahe zu bringen vor allem, um deutlich zu machen: Wir sind da alle im Prinzip ähnlich aufgebaut, haben alle das gleiche Equipment. Billie Eilish hat einen Schildknorpel und Ed Sheeran ebenso. Whitney Houston hatte Stellknorpel ebenso wie Caruso und Frauke, die im Nachbarhaus im dritten Stock links wohnt.

Wir sind da anatomisch nicht so leicht voneinander zu unterscheiden. 

Serienmäßige Ausstattung also. 

Kein besonderes goldenes kleines Stimm-Ei, das in den Hälsen von einigen Auserwählten ruht und für alle anderen nicht zu erwerben ist. Sondern Muskeln, Gewebe, Schleimhaut, Blut. Ganz prosaisch. 

Und eigentlich kannst du den Prozess des Singens als Bewegung beschreiben: die Stimmlippen stellen sich zusammen und spannen sich: Muskelbewegung und Koordination. Ebenfalls ganz prosaisch.

Und da es eben um Muskeln und Gewebe, um Bewegung und Koordination geht, kann man auch ganz einfach sagen, dass singen zu lernen ist, als würde man eine Sportart lernen, einen Tanz oder eine Handarbeit. Mit ein bisschen Übung auf jeden Fall möglich!

Also raus aus dem Kopf!

Wenn wir also mal die Frage nach Begabung, Talent, Veranlagung mal beiseite legen und nur danach fragen, ob es möglich ist, die Stimme zu trainieren, damit wir mehr Zugriff auf ihre Möglichkeiten haben, sie gesund halten und vielleicht sogar zum Singen animieren können, dann beantworte ich das mit einem klaren, lauten, nicht gebrüllten, aber trotzdem vernehmlichen: JA!

Unbedingt!

Wir versuchen immer alles zu kontrollieren, was wir vermeintlich kontrollieren können. Vermeintlich, weil wir das wirklich immer und überall versuchen, auch bei Dingen, die wir nicht kontrollieren können. Und da sind wir bei einem Dilemma, das sich in unserer Stimme wieder findet: manche Dinge funktionieren am besten, wenn man die Kontrolle abgibt. 

In diesem Fall am besten an den Körper, der weiß es nämlich besser, als der Kopf! Und wenn du da mit deiner Ratio dran gehen willst, dann zieht deine Stimme sich zurück, wird mäuschenklein und vielleicht ein bisschen trotzig (zurecht, wie ich finde) und verweigert womöglich ihren Dienst.

Als ersten Schritt lege also die Bewertung beiseite und erlaube deiner Stimme zu sein, was sie ist: eine Möglichkeit, sich mitzuteilen, ein Thermometer für deine Stimmung (…aha! „Stimmung“!…), ein Instrument, mit dir selbst in den Kontakt zu treten.

Weiß ich: nicht so leicht, wenn du jahrelang sicher warst, dass du es nicht lernen kannst zu singen, weil es einfach der Mythos ist, dass nur wenige singen können und daher auch dürfen.

Aber es lohnt sich wirklich, da nochmal reinzuschauen, selbst wenn sich für dich heraus stellt, dass zu singen wirklich nicht deine Sache ist, dass es dir keinen Spaß macht und du es blöd findest zu klingen: Es gehört zu deinem Körper einen Kehlkopf zu haben, mit all dem, was sich darin befindet. Das ist spannend und schön!

 

Lass dir nicht erzählen, es gehört nicht auch Übung dazu...

Zum Schluss kommt hier noch ein kleines Häppchen für dich, denn auch wenn Ed Sheeran nicht mein Lieblingskünstler ist, finde ich ihn manchmal sympathisch und hier zeigt er mal, dass er nicht mit dem Goldkehlchen aus der Krippe gehüpft ist.

Hast Du Gedanken zu meinem Beitrag? Oder eine Ergänzung, vielleicht eine ganz andere Meinung oder neue Ideen dazu? Dann lass es mich gerne wissen, ich freue mich auf den Austausch mit Dir!

2 Antworten

  1. Toll erklärt, was eine persönliche Stimme ist , wie sie funktioniert und wie sie ein ganz individueller Teil deiner Persönlichkeit ist….Es ist zur Zeit so viel im Gespräch über….“stehe zu deinem Aussehen, deiner Figur, “ etc. und durch deinen Beitrag fällt mir deutlich auf, wie wenig dabei die Stimme als Teil der Persönlichkeit betrachtet wird . Danke dafür!
    Ich freue mich, dass ich mich bei dir im Chor „versuchen“ kann.
    Ursula

    1. Liebe Ursula,
      vielen lieben Dank! 🙂
      Stimmt, das ist auch ein interessanter Aspekt!
      Obwohl auch hier eine Entfremdung statt findet, wird das ganz selten thematisiert.
      Ich finde das wirklich erstaunlich!
      Danke für den Input!

      Ich freue mich auch, dass du in meinem Chor bist! 🙂
      Liebe Grüße! Nina

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