Gelöste Stimme

Wie wird man zur Begleiterin bei Singängsten?

Wie wird man zur Begleiterin bei Singängsten?

Manchmal wird man ja gefragt, „was man denn so macht“ oder „was man denn ist“. Hierzulande ist ja beides das gleiche: Du bist, was du machst. Ich habe so viel gemacht bisher, aber sehr selten konnte ich wirklich damit die Frage beantworten, „was ich denn bin“, denn für mich ist es eben doch nicht das gleiche, denn eine einzelne Person kann ja so viele Dinge sein. Aber im Allgemeinen verstehen wir es dann doch als Frage nach dem, was wir beruflich tun. Und genau das ist auch gemeint.

Ich zweifle ja oft insgeheim an, ob überhaupt etwas aus mir geworden ist, meistens im Scherz, manchmal auch nur im Halbscherz. Denn ich habe nicht das Gefühl, schon in irgendeiner Weise fertig zu sein mit dem Werden.

Aber bis hierhin habe ich genau das gemacht, was mich schließlich hierhin gebracht hat und ich meine – in der Rückschau – dass es ein zwar zweifellos kurviger Weg bis hierher war. Allerdings habe ich aber schon an einigen Kurven sehr deutlich geblinkt, sodass es nicht wirklich eine Überraschung ist, mich jetzt so wiederzufinden mit dem, was ich beruflich mache: Ich unterstütze Menschen, die Singängste haben. 

Und weil es die Frage ist, wie denn das geschehen konnte, liste ich hier mal ein paar Stationen auf, sodass du es nachvollziehen kannst.

Dieser Beitrag ist im Rahmen der #boomboomblog2022-Challenge von Judith Peters entstanden, die hinter dem Namen Sympatexter steckt und von der ich irre viel gelernt habe! Schau gerne mal bei ihr vorbei!

 

1. 1974: bin ich da und meine Familie scheint musikalisch zu sein. 

Ich bin in Bielefeld geboren und in meiner Familie gehörte Musik immer dazu, denn mein Vater war Gitarrist (nicht beruflich, da war er Lehrer) und übte in jeder freien und eigentlich nicht so richtig freien Sekunde. Es war selbstverständlich, dass wir sangen und zum Einschlafen verlangten wir nach Schlafliedern. Meine Mutter lieferte gerne und schön.

Nina Und ihre Schwester als Kinder beim Frühstück
Schwesterli rechts und Knirps-Nina links

2. Etwa 1978/79: Wir spielen Klavier.

Es gab den ersten Klavierunterricht mit meiner Schwester zusammen. Wir wechselten uns ab, jede hatte etwa zwanzig Minuten, glaube ich. Ich kann mich an den Unterricht selbst gar nicht mehr erinnern, meine Schwester ist 3,5  Jahre älter als ich und ich glaube, eigentlich hatte sie den Unterricht.  Ich hatte auch später wieder Klavierunterricht, aber meistens beschäftigte ich mich einfach so mit den Instrumenten, die da waren. Nur die Blockflöte fanden meine Schwester und ich blöd und da mein Vater deutlich der gleichen Ansicht war, wurden wir damit in Ruhe gelassen.

3. 1986: Ohne den Unterricht bei meinem Vater wäre ich vielleicht Gitarristin geworden. Just kidding.

 Als ich 12 war versuchten es mein Vater und ich mit Gitarrenunterricht, aber das war nicht die beste Idee, denn als mein Vater konnte er mir Fernsehverbot erteilen, wenn ich nicht übte. Das war gemein und das teilte ich ihm mit und wir einigten uns darauf, das mit dem Unterricht wieder zu lassen. Ich spiele heute dennoch passabel Gitarre, denn eigentlich hörte ich seitdem nicht mehr auf, mich damit zu beschäftigen und vieles brachte ich mir selbst bei, was ich ohne diese Versuche meines Vaters, mich dazu zu nötigen gar nicht gekonnt hätte.

4. 1989/90: die Schulband nimmt sich sehr ernst, es singt dort ja auch ein Superstar (nicht ich).

Bis dahin konnte ich mir sehr gut vorstellen, Opernsängerin zu werden, aber da bekam ich keinen Support in meiner Familie. Die ersten wirklichen Zweifel an meiner Stimme kamen, als ich Teil eines Schulbandprojektes wurde, als ich etwa 16 war. Wir probten in der Mittagspause und es machte mir ziemlichen Spaß. Irgendwann kam ein neues Mädchen dazu. Sie war so unglaublich talentiert, dass sie ein paar Jahre später mal beim Eurovision Song Contest für Deutschland antrat. Ich flog aus der Band, weil ich angeblich eifersüchtig war (fadenscheinig, denn das stimmte nicht, es blieb einfach nichts zu singen für mich übrig).

Nina mischt am Mischpult Musik
Ich drehe den Sound auf

5. 1991-93: Neue Schule, neues Glück: ich darf klassisch singen!

Ich hatte schon immer um Gesangsunterricht gebettelt, aber es war zu teuer und zu bourgeois, deswegen bekam ich keinen. Als ich 17 war, bekam ich endlich die Möglichkeit und hatte meine ersten 2,5 Jahre Unterricht in klassischem Gesang. Ich liebte das sehr, machte aber leider einige unschöne Erfahrungen mit Konkurrenz und Ablehnung, entwickelte handfeste Singängste und verstummte schließlich.

6. 1993-1996 Lange nicht gesehen, Stimme, altes Haus.

Ich sang jahrelang nicht. Für mich und nur vor mir nach wie vor sehr gerne, aber ich traute mich nicht mehr so richtig heraus. Obwohl, das stimmt nicht ganz, ich machte immer wieder schüchterne Versuche, aber beim kleinsten Anzeichen von Ablehnung (oder was ich dafür hielt) schnellte ich zurück in mein Schneckenhaus. Aber ich träumte noch so vor mich hin.

7. ca. 1996 ich trau mich raus... Nee, doch nicht!

Dennoch: ich setzte mich wieder aus und machte bei einem Casting für ein Laien-Musical mit. Das wurde zu einer der beschämendsten Erlebnisse meines Lebens. Wirklich. Ich kaute sehr lange daran herum. 

8. 1998-2001: Ich werde was Vernünftiges

Als Augenoptikerin mit Brille und Zigarette
Augenoptiker-Lehrling mit berufsbedingter Bebrillung

Mein erster Beruf war tatsächlich einer, der mit meinem jetzigen Leben überhaupt nichts zu tun hat, ich wurde nämlich Augenoptikerin. Lustigerweise sagten damals viele „oh das passt aber gut zu dir!“. Und ich dachte dann immer: „warum? Weil ich Augen habe?“  Ich kann mir nämlich kaum einen unpassenderen Beruf für mich vorstellen. Aufsichtsrätin in einem Chemiekonzern vielleicht. 

Während dieser ganzen Zeit machte ich keine Musik mehr, ich war vollends verstummt.

9. 2002-2005: Eine Band findet mich und lässt mich schüchtern sein

Tatsächlich fing ich wieder zu singen an, als ich mit der Ausbildung fertig war und wieder zur Schule ging, um mein Abitur nachzuholen. Ganz vorsichtig fing ich an, in einer Band zu singen. Ich durfte mich ein bisschen winden und schüchtern anstellen, meine Bandkollegen fanden das in Ordnung.  Ich fasste wieder ein bisschen Vertrauen in meine Stimme.

10. 2002: Ich bin plötzlich mutig und lasse sogar andere singen

Während der Projektwoche in meiner Schule wagte ich mich sehr weit vor und bot ein Projekt „Chorgesang“ an. Das waren meine ersten Versuche in dieser Richtung. Das kam fast aus dem Nichts, ich finde mich im Nachhinein ziemlich mutig damit! Und das ist tatsächlich der Anfang von einem Teil meines heutigen Jobs, den ich wirklich sehr sehr gerne mache!

11. 2004-2012: Jaja, ich weiß, acht Jahre Bachelor.... Aber ich sag es lieber gleich!

Ich bekam mit der Zeit sogar so viel an Vertrauen in meine Stimme und meine Musikalität zurück, dass ich es wagte, mich nach dem Abi in der Uni Bielefeld für den Studiengang Kunst/Musik zu bewerben. Ich fing das Studium an, das wurde so ziemlich die allerschönste Zeit in meinem Leben wurde, denn ich bekam wieder Gesangsunterricht und durfte viel Kunst machen und sehr viel lernen. Meine Stimme und ich wurden wieder Freunde und ich wuchs hinein und bin sehr dankbar für diese Zeit!

Als Alien beim Carnival der Kulturen in Bielefeld
Carnival der Kulturen: bin vom anderen Stern

12. 2004-2010: Na klaro singe ich was vor!

Eine der wichtigsten Erfahrungen, die ich während der Zeit im Studium machen durfte, waren die obligatorischen Vorspiele, die wir mitmachen mussten während des Studiums und die sich für mich als großes Vergnügen entpuppten, denn ich stellte auf einmal fest, wie viel Spaß es mir machte, mit anderen zusammen vorzusingen und schließlich auch alleine!

13. 2004-2010: Erste Hilfe?

 Die andere sehr wichtige Erfahrung war, dass ich anderen helfen konnte, die Angst vor diesen Vorspielen hatten und vor allem auch Angst hatten vor ihrer Abschlussprüfung, denn jede:r musste da mindestens ein Volkslied singen.  Niemand kam da drum herum. Ich bemerkte, dass ich Angst beschwichtigen und Mut geben konnte.

14. ca. 2007-2010: ein neues Instrument und eine neue Band

Ab etwa 2007 (ich weiß es nicht mehr ganz genau) wurde es richtig super, denn ich spielte Trompete im Kozma Orkestar, der Band meiner Kommilitonin Ramona. Ich brachte mir das Trompete spielen selbst bei, um dort zu spielen und tatsächlich sang ich auch hin und wieder. Seitdem bin ich großer Fan von jiddischer Musik (z.B. Klezmer) und Balkanmusik und jedweder Fusion-Musik!

Bandfoto mit Trompete, Nina im Vordergrund
Kozma Orkestar

15. Oktober 2010: Ich hau ab nach Berlin und denke, ich würde Wissenschaftlerin

Gegen Ende meines Studiums und nachdem ich beschlossen hatte, dass Lehrerin zu werden nicht das richtige für mich war (hat ein bisschen gedauert, das einzusehen…), zog ich nach Berlin. Ich war zunächst studentische Hilfskraft in einer Arbeitsgruppe zu Gemeinschaftsbildung über Musik im Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. Mir wurde allerdings nach einiger Zeit klar, dass die wissenschaftliche Laufbahn nicht für mich taugt, auf keinen Fall umgekehrt ;).

16. 2011-2013 Ganoven im Orchester

Aus lauter Sehnsucht und außerdem, weil ich so große Lust dazu hatte, gründete ich mit meinen Kolleg:innen vom Institut eine neue Band, wir nannten uns „Ganovim Orkestar“ und spielten – natürlich – jiddische Musik und Balkanmusik.  Ich lernte ein neues Instrument, wie auf dem Foto zu sehen ist. Nachdem ich mein Studium abgeschlossen hatte und das Institut verlassen hatte, spielten wir noch eine Weile zusammen, dann lösten wir uns auf.

Nina mit Akkordeon

17. 2013: Ich entsinne mich, dass ich ganz gut helfen kann und beginne mit dem Unterricht

 Als klar wurde, dass ich auch überhaupt nicht Wissenschaftlerin werden will und ich aber keine Ahnung hatte, was ich anstellen sollte, begann ich damit, Gesangsunterricht für Anfänger und Ängstliche zu geben. Das klappte so gut, dass ich das nach wie vor mache.

18. 2014: Das kann ich bestimmt auch! Mindestens ebenso nicht gut!

Eines Abends begleitete ich eine Schülerin, die in einem Chor zu singen anfangen wollte und sich nicht so recht trauen wollte, alleine da hinzugehen. Ich gestehe, dass ich fand, dass der Chorleiter das nicht sonderlich gut gemacht hat. Aber das wiederum hat bewirkt, dass ich mir dachte, dass ich das selbst mindestens genauso schlecht kann. Und wenn der das macht, dann kann ich das auch machen… Nicht so nette Gedanken gegenüber dem Chorleiter, aber mir haben sie offenbar geholfen, denn seitdem leite ich mehrere Chöre. Ich habe da eine kleine Leidenschaft entdeckt. Zumal ich auch hier den Fokus auf Anfänger lege, die sind mir irgendwie die liebsten.

Leute singen im Chor
Mein Montagschor. Wer hätte das gedacht: links die Schwester

19. Seit 2013: Was kann ich sonst noch lernen? Her mit dem Wissen!

Die Entscheidung zu Unterrichten war eigentlich zunächst vorläufig gemeint, aber es klappte zu gut, um vorläufig zu sein. Es ist mittlerweile fast zehn Jahre her, dass ich damit begonnen habe. Irgendwann habe ich gemerkt, dass es mir nicht mehr genügt. Ich wollte mehr wissen, intensiver hineingehen. Ich machte mehrere Fortbildungen, anfangs eher kurze und kleine, ein Lehrgang hier und ein Workshop dort. Als Letztes machte ich die 1,5-Jährige Fortbildung im Lichtenberger® Institut für angewandte Stimmphysiologie und lernte die Lichtenberger® Methode kennen.

20. 2020: Oh Shit!

Ja. Singen war während der verschiedenen Lockdowns echt nicht das beliebteste Hobby. Jedenfalls nicht in Präsenz und meine Art des Unterrichts eignete sich nicht dafür online zu gehen. So blieb mir erstmal nur, herumzusitzen und darüber nachzudenken, was aus dieser Situation zu holen sein könnte. 
Vielleicht doch Online? Oder etwas gründen? Ich nutzte die Zeit, um mir möglichst viele Dinge zu überlegen, die ich machen könnte.

Und nun: Dies und das und Ananas

Wie du siehst, habe ich mich entschieden: Ich mache etwas online, nämlich diesen Blog und schaue mal, wohin er mich trägt. Ich stelle fest, dass es mir Spaß macht und dass ich sehr neugierig bin, was jetzt folgt. Aber das ist nicht das Einzige, wozu ich mich entschieden habe, denn ich habe während des ersten Lockdowns sowohl einen Gründerinnen-Kurs gemacht, als auch bei einem 5-Tage-Online-Assessment mitgemacht und 30 Business-Caoching-Stunden vom Land Berlin geschenkt bekommen (lebst du in Berlin und möchtest gründen? Dann schau hier.) Was ich gründen werde, ist vorerst noch streng geheim. Gleichzeitig mache ich eine Ausbildung zur Stimmtherapeutin. 

Zur Bild-Abrundung noch ein paar Impressionen von mir:

Nina mit Freddy Mercury-Schnurrbart
Freddy?
Nina lachend bei Auftritt mit Trompete in der Hand
Nina am Klavier
Nina mit aufgemaltem Schnurrbart
oder Jacques?

 

Soweit also mein Weg bis hierher in Kürze. Wer und wo ich gerade bin, hat sehr viel mit meinen eigenen Erfahrungen mit dem Singen und mit meiner eigenen Singangst zu tun. Das näher zu beschreiben hätte hier den Rahmen gesprengt. Wenn du darüber mehr wissen möchtest, kannst du sehr gerne auf meiner Über-Mich-Seite weiter lesen.

Bis dahin: Danke für deine Aufmerksamkeit! 🙂

Hast Du Gedanken zu meinem Beitrag? Oder eine Ergänzung, vielleicht eine ganz andere Meinung oder neue Ideen dazu? Dann lass es mich gerne wissen, ich freue mich auf den Austausch mit Dir!

10 Antworten

    1. Anna, meine liebe!
      Wie schön, ich freue mich!
      Danke fürs lesen und…..
      Du hast den allerersten Kommentar verfasst!!! Juhuuu!
      Allerliebste Grüße
      nach Bielefeld!

  1. Hihi, was für ein wunderschöner Lebenslauf! Also ich sehe da schon ein roten Faden: Musik machen, Spaß dabei und anderen was beibringen.

    Vielen Dank für den schönen Artikel ❤️

  2. Was für ein spannender Weg und ich glaube, dass am Ende ein sensationelle Kombination entstehen wird. Singen ist ja so gar nicht meins (falsche Technik, falsches Atmen usw.), aber ich fände es spannend, das Thema für mich zu erobern. Irgendwann. Danke für Deinen Einblick, ich habe den Beitrag sehr gerne gelesen!

    Liebe Grüße aus München von Marita

    1. Liebe Marita, wie schön! 🙂
      Ganz lieben Dank fürs Lesen und für deinen Kommentar!
      Ich würde mich sehr freuen, wenn du das Singen für dich erobern würdest, denn das ist eine unendliche Ressource.
      Es gibt viele Möglichkeiten, sich dem anzunähern.
      Wenn du Tipps dazu haben möchtest, kannst du mich sehr gerne anschreiben.

      Ganz liebe Grüße aus Berlin nach München von Nina 🙂

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